1. Quartalsbericht über mein weltwaerts-Jahr in Namibia

July 18, 2022 • 9 min to read • 🇩🇪 • Namibia
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Zu den Pflichten der weltwaerts-Teilnehmenden gehört es, regelmäßig Berichte über den Auslandsaufenthalt zu schreiben. Diese möchte ich auch hier auf meinem Blog veröffentlichen, damit möglichst viele etwas davon haben. Nachdem nun auch schon das erste Quartal vorbei ist, gibt es hier meinen ersten Bericht. Viel Spaß beim Lesen 😉


Ankommen in Namibia

Als wir mit dem Flugzeug in Windhoek landeten, wurde mir erst bewusst, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt. Meine Gedanken waren ungefähr diese: "Ich werde jetzt für ein ganzes Jahr in diesem Land sein, das wir die letzte Stunde überflogen haben. Noch kann ich nicht sagen, was ich dort erleben werde, aber dass es mein Leben prägen wird. Allerdings liegt es an mir, das Jahr zu gestalten. Hoffentlich schaff ich es, etwas daraus zu machen."

Das on-arrival Seminar fand ich sehr interessant. Ich hatte mich zwar zuvor schon recht viel mit dem Land auseinandergesetzt, konnte mir aber überhaupt nicht vorstellen, wie es ist, in Namibia zu sein. Allerdings muss ich sagen, dass ich auch etwas enttäuscht war, weil alles viel langweiliger und die Städte viel hässlicher wirkten, als ich erwartet hätte. Wir hatten nach einer Woche schon die meisten der Orte gesehen, die ich sehen wollte. Jedoch hab ich mich sehr darüber gefreut, dass die Sonnenuntergänge und Sternenhimmel wirklich richtig schön sind und dass die Sonne "falsch herum" über das Firmament wandert. Während manche Dinge hier anders laufen, und man sich viel umgewöhnen muss, würde ich aber tatsächlich nicht von einem Kulturschock reden. Denn, was ich schnell festgestellt habe, ist, dass man hier auch ein ganz westliches Leben führen kann, wenn man möchte (und das Geld dazu hat). Manchmal bin ich unentschlossen, ob ich es gut finde, dass ich hier in einem Land gelandet bin, das gar nicht so anders ist wie Deutschland, oder ob ich das Abenteuer eines komplett anderen Landes nicht doch vermisse. Dass allerdings die Folgen der Apartheit so krass sind und sie de-facto immer noch existiert, war mir irgendwie nicht bewusst. Auch nicht, dass es bedeutet, dass ein Teil der Menschen auch richtig reich zu sein scheint (das passte nicht in mein Bild von Afrika). Und dass aufgrund der sozialen Unterschiede Kriminalität entsteht. Ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass wir ständig als reiche Personen gelesen werden und v. a. anfangs ständig angebettelt werden. Das führte dazu, dass ich mich anfangs ständig unwohl gefühlt habe. Alles und jeder wirkte bedrohlich. Jetzt nach 2 Monaten wird das allerdings allmählich besser. Wobei ich immer noch das Gefühl habe, ständig vorsichtig sein zu müssen. Gerne würde ich manchmal auch einfach nur als passiver Beobachter auftreten, jedoch musste ich schnell feststellen, dass das selten möglich ist, da man fast immer irgendwie Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich weiß noch nicht genau, woran das liegt, denn weiße Menschen gibt es hier ja sehr viele. Interessant fand ich, dass das Verhalten von Menschen oft mit ihrer Hautfarbe korreliert. Und damit natürlich auch Dinge, wie Wohnort, Lebensstandard, Nahrung, Bildung und Aktivitäten. Und das sag ich als jemand, der bisher Hautfarben eigentlich als unwichtiges äußerliches Merkmal betrachtet hat. Vermutlich liegt das daran, dass die verschiedenen Personengruppen hauptsächlich unter sich bleiben. Mir kam die Mentalität der Weißen und Colored sehr rau, unfreundlich und unherzlich vor. Was dann auch schnell kam, wie es kommen musste, ist, dass ich immer wieder feststellen muss, wie privilegiert ich doch bin. Was ich noch schade finde, ist, dass ich hier meinen vegetarischen Nachhaltigkeitslifestyle nicht wirklich ausleben kann: Überall wird alles in Plastik verpackt, die Städte sind nach amerikanischen Vorbild vollständig auf das Auto (= großer Pickup) ausgelegt und Qualität ist schwer zu finden, da alles billig produziert wird. Außerdem kommt man wohl nicht darum herum, doch ab und zu mal Fleisch oder Fisch zu probieren.

Arbeit

Auf Arbeit wurde ich direkt gut eingearbeitet und integriert und bin Teil des Teams. Meine Hauptbeschäftigung war lange Zeit Fahrräder reparieren. Einerseits finde ich es total cool, nach all den Jahren des Studiums mal den Kopf auszuschalten und mit den Händen zu arbeiten, andererseits ist das auch furchtbar anstrengend. Am Feierabend bin ich dann meistens nicht mehr zu allzuviel zu gebrauchen. Ich bin froh, dass ich dort gut beschäftigt bin und mich nicht langweile, wie es wohl bei anderen Freiwilligendiensten oft der Fall ist. Außerdem hab ich schon einiges über Fahrräder gelernt, was ich sicher auch in Deutschland verwenden kann. Als ich angefangen habe, diesen Bericht zu schreiben, wollte ich an dieser Stelle meine Bedenken äußern, dass die Tätigkeit auf Dauer allerdings monoton wird. Außerdem bin ich nicht hierher gekommen, um in einer Fahrradwerkstatt ein Praktikum zu machen. Aber zum Glück hab ich das Schreiben des Berichts vor mir her geschoben, denn kürzlich gab es einen Wendepunkt:

Der Auslöser war etwas schwierig, denn es gab eine Menge Missverständnisse zwischen mir und Paulina (meiner Vorgesetzten). Ich wurde seit Beginn mit der Preisgestaltung beauftragt, was ich sehr cool fand, denn dann hatte ich gleich eine relevante Aufgabe. Jedoch kann ich zugegebenermaßen nicht wirklich einschätzen, welche Preise angemessen sind (auch, weil ich das Projekt noch nicht gut genug kannte). Ich hatte mich meiner Meinung nach eigentlich nur an das gehalten, was Paulina mir sagte (jedes Fahrrad soll um die 1500 N$ kosten). Wenn sich Kund*innen beschwert haben, dann dachte ich, dass das normal sei und sie sich immer beschweren und dass es halt normal ist, dass man verhandeln muss (das glaube ich auch immer noch). Dass Paulina das ungern macht, hab ich auch schnell mitbekommen. Jedoch wurden Kunden dann immer an den "Dshirumbu" (den Weißen) weiter verwiesen, "der für die hohen Preise verantwortlich ist". Zuerst dachte ich, dass Paulina mit solche Äußerungen nur Spaß macht -- später war ich mir da nicht mehr so sicher. Jedes mal, wenn ich versucht habe, zu erklären, dass ich das nicht so schön finde, wurde es eigentlich noch schlimmer. Irgendwann hat Paulina mich im Halbspaß(?) als neuen Boss bezeichnet. Außerdem wurden mir als Mann Kompetenzen zugeschrieben, die ich einfach auch gar nicht habe. Ich hab wirklich an mir und meinem Auftreten gezweifelt und mich gefragt, ob ich gerade meine Rolle als Freiwilliger vollends verfehle oder was da los ist. Relativ verzweifelt wendete ich mich an Michael (den Projektgründer und Chef, der allerdings schon seit Jahren nicht mehr in Namibia ist). In einem Telefonat kam heraus, dass er nie vorhatte, dass ich an Fahrrädern schraube, sondern ganz andere Projekte verfolge. Und auch Paulina sollte eigentlich nicht hauptsächlich die Fahrradwerkstatt führen, sondern eher strategische und organisatorische Aufgaben im BENN-Netzwerk erledigen (und eigentlich auch weiterhin Schulungen geben, worauf sie aber keine Lust mehr hat). Ich hab in der Zeit festgestellt, dass viele Missverständnisse schon früher durch mehr und bessere Kommunikation gelöst werden hätten können, aber manchmal finde ich es schwer, meine Punkte gegenüber Paulina deutlich zu machen. Je mehr mir Michael erzählt, wie BENN eigentlich geplant war und was vor der Pandemie schon passiert ist, bin ich auch mehr mit meiner Einsatzstelle zufrieden. Jedoch muss sich erst noch zeigen, wie es jetzt in den aktuellen Kriesen weiter geht. Für mich bedeutet das jedenfalls, dass ich mich aus dem daily Business heraushalte, wodurch die vorher beschriebenen (kleinen) Konflikte vermieden werden können und ich meine Ideen und Kreativität und Qualifikationen besser entfalten kann. Und vielleicht kann ich so etwas machen, worauf ich im Nachhinein stolz sein kann. Jedoch muss ich die nächste Zeit über erst noch meinen Platz finden, was ein kontinuierlicher Prozess sein wird. Meine neue Hauptaufgabe ist es zunächst, das Trash-Collection-Bicycle-Trailer-Projekt wieder zu beleben. Und Paulina (die ich auch wirklich sehr mag), hilft mir dabei. Über diesen Wendepunkt bin ich aktuell sehr froh, auch wenn das jetzt für mich deutlich herausfordernder wird. Z.B. hab ich jetzt mit Menschen, die auf der Müllhalde leben und Metall-Schrott sammeln, zu tun. Das ist richtig spannend und entspricht auch mehr dem, was ich zuvor erwartet hätte, was meine Tätigkeiten sein werden.

Testfahrt mit dem Trash-Collection-Bicycle-Trailer
Testfahrt mit dem Trash-Collection-Bicycle-Trailer

Wohnsituation

Anfangs war die Wohnungssuche zugegebenermaßen eine Herausforderung. Denn irgendwie hab ich mich da etwas überfordert gefühlt, obwohl es ja an sich hier auch nicht anders läuft, als in Deutschland und es auch nicht die erste Wohnung ist, die ich suche. Andererseits hätte ich in Deutschland wohl einfach wg-gesucht aufgemacht und mit großer Wahrscheinlichkeit auch etwas Geeignetes gefunden. Etwas Vergleichbares hab ich hier leider nicht gefunden. Über meine jetzige Wohnung kann ich mich nicht beklagen. Jedoch frag ich mich seitdem ich hier wohne, ob das mit dem Freiwilligendienst wirklich so gedacht ist, dass ich in einer so komfortablen, großen und leider auch teuren Unterkunft im "weißen" Teil der Stadt wohne. In einer solchen Wohnung könnte ich halt auch in Deutschland wohnen (nur dass sie in Deutschland wahrscheinlich besser Wärme-gedämmt wäre). Ehrlich gesagt hatte ich noch nie so viele Quadratmeter für mich alleine. Andererseits hab ich auch wirklich nichts anderes gefunden, wo ich mich wohlgefühlt hätte. Dadurch, dass ich jetzt das Angebot erhalten hatte, für einen eher symbolischen Preis im Altenheim wohnen zu können, wurde das Wohnungsthema nochmal relevant. Da muss ich mich in den nächsten Wochen nochmal darum kümmern und mich entscheiden, wie es mit dem Wohnungsthema weiter geht. Allgemein betrachte ich das hier (noch) nicht wirklich als Heimat, da ich mir ständig bewusst bin, dass es nur temporär ist. Danach bin ich auch ehrlich gesagt ganz froh, wenn es zurück in den Elfenbeinturm Deutschland geht. Dieses Privileg will ich nicht missen.

Alltag

Mein Alltag ist durch die Vollzeit-Arbeit schon ganz gut gefüllt. Und da es meistens auch anstrengend ist, hab ich bisher unter der Woche fast nie etwas unternommen. Am Wochenende versuche ich meistens, die Stadt per Rad oder zu Fuß zu erkunden und Sehenswürdigkeiten mitzunehmen. Jedoch ist mein Zwischenfazit, dass Walvis Bay definitiv nicht genug zu bieten hat, als dass ich damit ein Jahr füllen könnte. Ein kleines Hobby, das ich zwar auch schon in Deutschland hatte, was aber hier deutlich mehr Sinn macht, ist, für Open Street Map (ein Community-basiertes Angebot ähnlich wie Google Maps) zu kartographieren. Hier gibt es nämlich im Gegensatz zu Deutschland noch Einiges, was nicht eingetragen ist. Dieses Hobby verfolge ich aber nur, wenn ich einsam bin. Ich bin sehr froh darüber, dass ich hier parkrun entdeckt habe: Ein wöchentlicher, kostenloser und von Freiwilligen organisierter Laufwettkampf. Das Konzept gibt es auf der ganzen Welt und wenn ich in Deutschland nicht in eine Stadt komme, wo es das schon gibt, könnte ich mir vorstellen, dass ich dort so etwas aufbauen könnte. Das eignet sich auch, um Bekanntschaften zu machen, denn die Menschen dort gehören zwar zu den Wohlhabenden, aber sind durchaus recht freundlich. Ich werde auch bald dem "Walvis Bay Road Runners"-Verein beitreten und dann hoffentlich auch genug Zeit und v. a. Energie finden, um bei den Lauftreffs und vielleicht auch dem ein oder anderen Wettkampf teilzunehmen.

Sozialleben

Ich hab es schon angesprochen: Auch wenn ich hier schon einige interessante Begegnungen hatte (Nachbarin (alleinerziehende Mutter), die mich mal einen Abend mit zu ihren Freundinnen genommen hat, ein Familienvater von parkrun, der mich mit einer Schar von Kindern mit zum Strand genommen hat, und immer wieder interessante Alltagsbegegnungen), fühle ich mich dennoch einsam. Das ist wahrscheinlich nach 2,5 Monaten auch normal. Kontakt zu Gleichaltrigen oder Gleichgesinnten habe ich noch nicht. Langsam bauen sich Kontakte zu den anderen Freiwilligen in WB auf. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir nicht so ganz auf einer Wellenlänge sind. Im Gegensatz zu den Mitfreiwilligen bei solivol macht sich hier der Altersunterschied (von 10 Jahren) doch bemerkbar. Ansonsten habe ich eigentlich noch niemanden, mit dem man etwas unternehmen könnte. Die letzten Jahre hab ich eigentlich ausschließlich in WGs gewohnt -- und das vermisse ich gerade. Aber bisher war es noch kein Weltuntergang, da ich die Zeit schon auch nutze. Außerdem sehe ich das auch als Chance, ganz frei entscheiden zu können, was ich tue und ganz individuelle Erlebnisse machen zu können.

Kontakt nach Hause

Ich gehe davon aus, dass Heimweh eher ein Phänomen ist, das dann auftritt, wenn man das erste mal auf sich allein gestellt ist und nicht mehr bei den Eltern wohnt. Von dem her bin ich ganz froh, dass ich davon bisher nicht betroffen bin. Ich hab mit meinem Studienort Erlangen ganz gut abgeschlossen und bin eigentlich schon fast erstaunt darüber, dass ich mich bisher gar nicht an diese Zeit zurücksehne. Auch hatte ich noch nicht, wie erwartet, das Gefühl, dass ich eigentlich nicht hier sein sollte, sondern arbeiten sollte. Im Gegenteil, ich glaube, dass ich gerade hier her gehöre. Was ich aber auch ganz schön finde, ist, dass viele meiner Freund*innen von zu Hause Interesse an meinen Erlebnissen zeigen und dass weiterhin Kontakt besteht. Von dem her bin ich auch ganz froh, hier Internet zu haben und Kontakt halten zu können 😉 Schön finde ich es auch, dass meine Freundin und ich es weiterhin schaffen, viel Kontakt zu halten, auch wenn nun Schwierigkeiten doch schon früher aufkamen, als erwartet.

Zukunft

Für die kommenden Monate wünsche ich mir, dass ich noch mehr vom Land sehe. Denn je länger ich hier bin, desto mehr realisiere ich, dass Namibia vielleicht doch nicht so eintönig ist, wie das, was ich bisher gesehen habe. Und auch, dass Namibia nicht nur das ist, was ich hier in der Stadt im "weißen" Teil gesehen habe. Vor Allem die Dörfer im Norden interessieren mich. Denn ich glaube, dass dort eigentlich auch die Zielgruppe unseres Projekts lebt. Außerdem möchte ich öfters heraus kommen aus der Komfort Zone und vor allem meine Scheu vor der "Location" (Kuisebmond) abbauen. Ich glaube, die Warnungen davor von allen möglichen Menschen muss man vielleicht doch manchmal auch gar nicht so ernst nehmen. Außerdem ist halt einfach dort das Leben und in dem Teil, in dem ich wohne, nicht. Außerdem bin ich ja nicht nach Afrika gekommen, um eine westliche Stadt zu sehen. Ich möchte hier auch auf jeden Fall noch mehr Leute kennen lernen, denn man kann sich meiner Meinung nach nur dort wohl fühlen, wo man Freunde hat. Und eigentlich würde ich gerne noch Oshiwambo oder zumindest Afrikaans lernen, und zwar ganz gerne auch nicht autodidaktisch. Allerdings finde hier leider keine Kurse o. Ä.