Serien- & Filmempfehlung "Black Earth Rising" & "Hotel Ruanda"

July 17, 2022 • 7 min to read • 🇩🇪 • Namibia
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Nach anstrengenden Arbeitstagen bin ich abends oft sehr geschafft. Dann reicht es meistens nur noch dazu, mich von Netflix & Co. berieseln zu lassen. Jedoch hab ich ab und zu noch den Anspruch, dass das dann wenigstens einen Afrikakontext hat. Mehr durch Zufall bin ich auf eine Netflix-Miniserie gestoßen, die mich wirklich gepackt hat, und zugleich auch noch sehr informativ war, denn über das Thema wusste ich bisher nicht bescheid. Und so fällt in diesem Artikel der Blick auf ein anderes afrikanisches Land, das ebenfalls einmal Teil einer deutschen Kolonie war: Ruanda. Die Serie heißt "Black Earth Rising". Das Thema dieses Artikels ist der Völkermord in Ruanda 1994 (also gar nicht so lange her!). Auf meiner Film-Liste stand passend dazu schon lange der Titel "Hotel Ruanda". Beides kann ich nur wärmstens empfehlen! Während "Hotel Ruanda" wahrscheinlich weniger für einen gemütlichen und aufheiternden Filmeabend geeignet ist, würde ich "Black Earth Rising" durchaus als Krimi-Serie mit Unterhaltungswert einordnen. (Amazon-Affiliate-)Links gibt's am Ende.

Geschichtlicher Kontext

Ich möchte hier jetzt nicht Wikipedia kopieren, aber nachdem ich beide Titel durchgesuchtet hatte, war ich doch sehr an den historischen Ereignissen interessiert und möchte die Punkte, die ich behalten möchte, kurz notieren. Falls es dich langweilt, springe ruhig einen Abschnitt weiter 😉

Die Ursprünge des Konflikts liegen bereits in der vorkolonialen Zeit, als sich die Bevölkerungsgruppe der Tutsi (Viehzüchter) gegenüber der Gruppe der Hutu (Bauer) als überlegen heraus kristallisiert hat. So regierten dort im Königreich die Tutsi. Die Hierarchie wurde allerdings durch die Kolonialisierung massiv ausgeweitet. Denn die deutsche Kolonialmacht betrachteten die Tutsi als überlegene lokale Macht und stärkten diese deshalb. Dabei glänzten sie mal wieder mit ihrer pseudowissenschaftlichen Rassenideologie und behaupteten, dass die Tutsi ein eingewandertes Volk kaukasischen Ursprungs wären und deshalb mit den europäischen Völkern vermischt seien. Das wäre dann der Grund, warum sie den "negriden" Ethnien Zentralafrikas überlegen wären. Tatsächlich tut man sich wohl als Europäer*in schwer, einen Unterschied zwischen den Bevölkerungsgruppen zu sehen. Und allgemein ist dieser Konflikt für uns sehr schwer nachzuvollziehen, und die folgende Geschichte zeigt, dass, immer wenn westliche Akteure eingegriffen haben oder auch nicht eingegriffen haben, die Situation eigentlich verschlimmert wurde.

Nach dem 1. Weltkrieg übernahmen dann die Belgier diese Region und führten die 2-Klassengesellschaft fort. Zu den wohl gravierendsten Eingriffen gehörte der Stempel der ethnischen Zugehörigkeit im Pass. Auch die katholische Kirche, welche in dem Gebiet missionierte, trägt nach Ansicht vieler Historiker*innen eine erhebliche Mitschuld. Denn in Schulen wurden zunächst Tutsi stärker gefördert als Hutu. Später wollte man dann die unterprivilegierten Hutu unterstützen und bildete eine Hutu Elite aus. Diese wiederum drängte (verständlicherweise) auf politische Teilhabe.

Die Entstehung des Konfliktes ist natürlich noch deutlich Komplexer. Jedoch folgte in der Zeit, in der Belgien nach und nach an Bedeutung in Ruanda verlor, viele Unruhen, Aufstände, Rebellionen, eine lange Hutu-Diktatur und gegenseitige Unterdrückung. Die Zeit unmittelbar vor dem Völkermord war geprägt durch massive Hetze und Propaganda. Wegen der hohen Analphabetisierung spielte das Radio, und dabei besonders der radikale Hutu-Propagandasender RTLM, eine wichtige Rolle. Interessant fand ich die verschiedenen Propagandatechniken, die auf Wikipedia erklärt werden. Zum einen wurden Tatsachen verdreht (so wie man es gerade teilweise bei russischer Propaganda feststellen kann). Es wurde beispielsweise behauptet, dass die Tutsi gerade einen Völkermord planen und Hutu deshalb bedroht wären und handeln müssen (in echt war es zu der Zeit anders herum). Auch wurden Tutsi massiv entmenschlicht und als Kakerlaken (etc.) bezeichnet. In Zeitungen wurden regelmäßig folgende 10 Gebote abgedruckt:

The ‘Hutu Ten Commandments’

as published in Kangura, No. 6 (December 1990)
> Quelle: Archiviert auf archive.org

  1. Every Hutu must know that the Tutsi woman, wherever she may be, is working for the Tutsi ethnic cause. In consequence, any Hutu is a traitor who:
    • Acquires a Tutsi wife;
    • Acquires a Tutsi concubine;
    • Acquires a Tutsi secretary or protégée.
  2. Every Hutu must know that our Hutu daughters are more worthy and more conscientious as women, as wives and as mothers. Aren’t they lovely, excellent secretaries, and more honest!
  3. Hutu women, be vigilant and make sure that your husbands, brothers and sons see reason.
  4. All Hutus must know that all Tutsis are dishonest in business. Their only goal is ethnic superiority. We have learned this by experience from experience. In consequence, any Hutu is a traitor who:
    • Forms a business alliance with a Tutsi
    • Invests his own funds or public funds in a Tutsi enterprise
    • Borrows money from or loans money to a Tusti
    • Grants favors to Tutsis (import licenses, bank loans, land for construction, public markets...)
  5. Strategic positions such as politics, administration, economics, the military and security must be restricted to the Hutu.
  6. A Hutu majority must prevail throughout the educational system (pupils, scholars, teachers).
  7. The Rwandan Army must be exclusively Hutu. The war of October 1990 has taught us that. No soldier may marry a Tutsi woman.
  8. Hutu must stop taking pity on the Tutsi.
  9. Hutu wherever they be must stand united, in solidarity, and concerned with the fate of their Hutu brothers. Hutu within and without Rwanda must constantly search for friends and allies to the Hutu Cause, beginning with their Bantu brothers.
    • Hutu must constantly counter Tutsi propaganda.
    • Hutu must stand firm and vigilant against their common enemy: the Tutsi.
  10. The Social Revolution of 1959, the Referendum of 1961 and the Hutu Ideology must be taught to Hutu of every age. Every Hutu must spread the word wherever he goes. Any Hutu who persecutes his brother Hutu for spreading and teaching this ideology is a traitor.

Während es zuvor schon viele Opfer zu verzeichnen gab, fand zwischen April und Juli 1994 dann der eigentliche Völkermord an den Tutsi statt. Auslöser war, dass der Flieger des Präsidenten/Machthabers Habyarimana (Hutu) von bis heute Unbekannten (Hutu oder Tutsi) beim Landeanflug auf die Hauptstadt Kampala abgeschossen wurde. Das Ausmaß des Genozids ist massiv und beteiligt war so gut wie jede Hutu-Bevölkerungsgruppe (arm, reicht, jung, alt, gebildet, ungebildet, ...). Die Grausamkeit war zudem so groß, dass ich einige Absätze des Wikipedia-Artikels nicht lesen konnte. Es wurden 75% der Tutsi in Ruanda gefoltert und getötet. Explizit wurde auch zum Vergewaltigen von Frauen und Töten von Kindern aufgerufen. Allen Hutu, die sich dem Widersetzt haben, drohten ähnliche Schicksale.

Tatsächlich schaffte es schließlich die Tutsi Rebellenbewegung RPF, welche selbst allerdings auch Kriegsverbrechen zu verantworten hat, die Hutu aus dem Land zu vertreiben, wodurch der Völkermord beendet wurde. Westliche Kräfte und die Vereinte Nationen glänzten bei dem ganzen Vorfall durch Untätigkeit, Abwesenheit und sogar Rückzug von Truppen, während man durch Kolonialisierung durchaus eine große Mitschuld trägt. Frankreich hatte zuvor sogar die Hutu Regierung, welche vorgab, sich für Demokratie einzusetzen, unterstützt und das Militär, welches später den Völkermord maßgeblich durchgeführt hat, ausgebildet und mit Waffen ausgerüstet.

Leichen ruandischer Flüchtlinge (1. Oktober 1994) — © MSGT Rose Reynolds - DF-ST-02-03035, Public Domain
Leichen ruandischer Flüchtlinge (1. Oktober 1994) — © MSGT Rose Reynolds - DF-ST-02-03035, Public Domain

Ein Genozid bringt natürlich immer eine Menge furchtbarer Folgen mit sich. Erwähnen möchte ich, dass durch die Vergewaltigungen die Zahl der an HIV infizierten Mädchen und Frauen deutlich gestiegen ist. Neben all den Folgen, die eine Vergewaltigung gerade in einer Gesellschaft, die solche Taten als persönliche Schande der Opfer ansieht, mit sich bringt, werden zudem diese Opfer nun im Stich gelassen und nicht mit dringend nötigen Medikamenten versorgt. Währenddessen werden die Täter, die in Gefangenschaft sitzen, medizinisch versorgt.

Hotel Ruanda

Coverbild des Films "Hotel Ruanda" — © MGM Home Entertainment, fair use
Coverbild des Films "Hotel Ruanda" — © MGM Home Entertainment, fair use

In diesem preisgekrönten, etwas älteren Film (2004) wird man sehr Eindrucksvoll durch die Ereignisse des Völkermords mitgenommen. Paul Rusesabagina, der Manager des Hôtel des Mille Collines, gewährte 1268 Menschen in seinem Hotel Zuflucht und rettete sie vor dem sicheren Tot. Er selbst war Hutu und mit einer Tutsi verheiratet. Neben der krassen Darstellung der Radikalisierung werden sehr gut die Sichtweisen verschiedener Akteure gezeigt (Hutu, Tutsi, Militärs, Blauhelme, Ordensleute, weiße Akteure, wie eine freiwillige des Roten Kreuzes und ein Filmteam und auch Europäische Akteure). Es wird gezeigt, dass der Westen kein Interesse daran hatte, den Konflikt zu lösen, da Ruanda keinen strategischen Wert hatte. Stattdessen wurde lieber über die Wortwahl debattiert, ob das jetzt als Völkermord zu bezeichnen sei oder nicht. Zum Glück hat der Film ein Happy-End (sonst könnte ich ihn jetzt nicht empfehlen). Ob das gezeigte Ende des Films in der Realität wirklich ein glückliches Ende markiert, sei mal dahingestellt.

Das Handeln Rusesabagina war zweifelsohne heldenhaft. Dennoch wurde 2021 zu 25 Jahren Haft verurteilt, da er terroristische Aktivitäten finanziert haben soll. Das Urteil ist stark umstritten. Aber es zeigt, wie aktuell das Thema noch immer ist. Die Justiz wird mit der Aufarbeitung noch lange beschäftigt sein.

Black Earth Rising

Titelbild der Serie "Black Earth Rising" — © BBC, fair use
Titelbild der Serie "Black Earth Rising" — © BBC, fair use

Das bringt mich auch schon zur Miniserie "Black Earth Rising" (2019). Dort geht es um die Juristin Kate Ashby (Tutsi), welche als kleines Mädchen den Genozid hautnah miterlebt hatte, jedoch gerettet werden konnte und von einer englischen Juristin adoptiert wurde. Im Laufe der Serie bekommt sie die Aufgabe, Fälle (fiktive) ruandischer Kriegsverbrecher zu behandeln.

In der Serie bekommt man einen aktuellen Blick auf das Land Ruanda und die immer noch andauernden persönlichen und gesellschaftlichen Nachwirkungen der Geschehnisse. Neben den Schwierigkeiten der juristischen Aufarbeitung erfährt man auch über die aktuellen Herausforderungen Ruandas (Präsidialsystem, Rechtssystem) und die Verstrickung westlicher Staaten (v. a. England und Frankreich).

Fazit

Beide Titel und das Thema allgemein haben mich zugegebenermaßen emotional gepackt. Wenn ich darüber nachdenke, was für eine Scheiße so ein Völkermord ist, bekomme ich Pippi in den Augen. Ich fand es krass, wie aktuell das alles ist. Jetzt, nachdem ich mich damit beschäftigt habe, wohin Hass und Hetze führen kann, kann ich auch mehr verstehen, warum wir in Deutschland entschieden dagegen vorgehen müssen. Schockierend fand ich, dass, obwohl der Genozid für Europa relevant ist, ich nichts in der Schule darüber gelernt habe. Anders herum hab ich schon oft mitbekommen, dass in afrikanischen Schulen viel europäische Geschichte gelehrt wird. "Hotel Ruanda" eignet sich auf jeden Fall gut, die eigene Wissenslücke zu schließen und "Black Earth Rising" ist eine durchaus sehenswerte Miniserie, bei der man danach nicht bereut, wenn man sie durchgesuchtet hat.